Die Cassini-Division by Ken MacLeod

Die Cassini-Division by Ken MacLeod

Author:Ken MacLeod [Ken MacLeod]
Language: deu
Format: epub
Publisher: Heyne Verlag
Published: 2010-09-27T12:53:03+00:00


8

Die Stadt der

* * *

lebenden Toten

DER GENEIGTE RING DES JUPITER SCHNITT ein weißes Segment aus der Voraussicht. Zehn Meilen voraus hing, ebenfalls gekippt, die kleine Ellipse des Malley Mile am Himmel. Aus dieser Entfernung waren die am Rand angebrachten Steuerraketen als kleine schwarze Perlen zu erkennen, die in regelmäßigen Abständen am in allen Regenbogenfarben schillernden Ring saßen. Eine Kampfstation, die Turing Tester, flog neben uns her und würde exakt unsere Position einnehmen, sobald wir sie frei gemacht hätten.

Die Terrible Beauty, auf deren Hülle die derzeit unbemannte Kampfstation Carbon Conscience wie eine schwarze Fliege hockte, war im Begriff, das Wurmlochtor zu durchfliegen. Die ganze Besatzung war an Bord und natürlich auch Malley und Suze. Malley hatte trotz der Einwände Tatsuros und einiger anderer darauf bestanden mitzufliegen. Wessen Scheißtheorie ist das eigentlich, hatte er gefragt? Wessen Namen trägt das Ding, hä? Suze konnte bessere Gründe geltend machen: Wir brauchten sie, denn sie war die Einzige, die ein Gefühl für die neumarsianische Gesellschaft hatte.

»Annäherungswinkel 1,274.066 Grad«, verkündete Jaime.

»Kurs bestätigt«, sagte Andrea. »Entfernung vierzehn Komma sieben fünf Kilometer, Relativgeschwindigkeit zweihundert Kilometer pro Stunde.«

»Alles klar!«

Jetzt lag es an ihnen; an ihnen und am Bordrechner, der das Schiff eigentlich flog. Trotzdem behalten sich die Menschen aufgrund eines Impulses, der bis zum Wostok-Satelliten und dem Mercury-Programm zurückreicht, in einem Raumschiff gern das letzte Wort vor. Vielleicht ist das eine Illusion, vielleicht wäre es besser, alles den Maschinen zu überlassen, aber wenn man einmal anfängt, so zu denken, wo hört es dann auf? Es hört nicht auf, und am Ende zählen nur noch die Maschinen und nicht mehr die Menschen. Wahrscheinlich (dachte ich, einen Zentimeter über der Beschleunigungsliege in den Gurten schwebend und bemüht, nicht zu viel zu denken) genau bei dem, was wir bekämpfen.

»Zwölf Kilometer.«

Während ich beobachtete, wie das Malley Mile über mir auf dem Monitor immer größer wurde, hatte ich nicht das Gefühl, viel im Griff zu haben. Wir stürzten in ein Loch im Himmel hinein, und ich konnte nichts mehr daran ändern.

»Zehn Kilometer.«

»Bereit zur Zündung der Triebwerke!«, verkündete Andrea. »Noch drei Minuten.«

Wir mussten mit Beschleunigung hindurchfliegen, hatte Malley uns gesagt. Er hatte sich bemüht, uns den Grund zu erklären, doch bei der vierten Gleichung hatten die meisten von uns schlapp gemacht. Ich blickte zu ihm hinüber. Er lag auf der Liege neben mir: So weit ich erkennen konnte, hatte er die Augen fest geschlossen. Seine Lippen bewegten sich. Er drehte den Kopf zu mir herum und schlug die Augen auf.

»Ah«, flüsterte er, »Sie haben mich ertappt.«

»Wobei?«

Er schloss für einen Moment die Augen, dann lächelte er mich an. »Beim Beten.«

»Ich wusste gar nicht, dass Sie gläubig sind.«

»Bin ich eigentlich auch nicht«, sagte Malley. Er blickte zu dem dräuenden Tor auf dem Bildschirm hoch. »Aber man hat mir gesagt, Gott höre einem zu, ob man nun glaubt oder nicht.«

Dies war nicht der rechte Zeitpunkt für eine philosophische Debatte. »Ja«, flüsterte ich. »Das Gleiche behauptet auch Andrea von ihrer Christophorus-Medaille.«

»Ich hab’s gehört«, meinte Andrea. »Glauben Sie ihr kein Wort. Ich mag zwar sentimental sein, aber abergläubisch bin ich nicht.



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